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Vorsätze fürs neue Jahr: Mit systemischem Blick zu nachhaltiger Veränderung

Der Jahreswechsel ist für viele Menschen der Moment des Innehaltens und er lädt dazu ein, Bilanz zu ziehen und sich neu auszurichten. Zwischen den freien Tagen, der Ruhe und dem Blick auf das kommende Jahr entsteht ein natürlicher Raum, um Gewohnheiten zu überdenken und neue Vorhaben zu formulieren. Doch während der Motivation zu Jahresbeginn hoch ist, zeigt die Erfahrung: Viele Vorsätze verlieren bereits nach wenigen Wochen an Kraft.
Die systemische Therapie bietet hilfreiche Denk- und Handlungsansätze, die Vorsätze nicht nur realistischer, sondern auch nachhaltiger machen. Sie erweitert die klassische Zielsetzung um die Frage nach den Zusammenhängen, in denen wir leben und nach den Mustern, die unser Verhalten formen. So wird aus einem Vorsatz nicht nur ein „Projekt“, sondern ein bewusster Schritt hin zu mehr stimmiger Selbstgestaltung.

Warum wir Vorsätze fassen und weshalb die systemische Sicht hilft

Aus systemischer Perspektive befinden wir uns immer in Beziehungs- und Handlungssystemen wie unsere Familie, die Arbeit, unser Freundeskreis, aber auch gesellschaftliche Erwartungen. Vorsätze entstehen selten isoliert. Sie sind häufig Reaktionen auf unser Umfeld oder Signale unseres Systems. Ob wir „mehr Sport treiben“, „gesünder essen“ oder „Stress reduzieren“ möchten – dahinter stehen oft Bedürfnisse, die tiefer gehen als die Oberfläche vermuten lässt.

Systemisch betrachtet lohnt sich daher die Frage:

„Welchen Sinn hat dieser Vorsatz in meinem Leben – und in welchem System möchte ich dadurch Bewegung erzeugen?“

Indem wir die Funktion eines Vorsatzes verstehen, gewinnen wir Klarheit darüber, ob er wirklich zu uns passt.

Typische Vorsätze – und ihre systemische Bedeutung

Viele Menschen starten mit ähnlichen Themen ins neue Jahr. Doch hinter jedem Vorsatz liegen individuelle Geschichten:

  • Mehr Bewegung – häufig ein Wunsch nach Selbstfürsorge oder nach einem Ort, der nur mir gehört.
  • Gesündere Ernährung – möglicherweise ein Bedürfnis nach mehr Energie, Klarheit und Stabilität im Leben
  • Weniger Stress – kann ein Hinweis darauf sein, dass bestimmte Rollen (z. B. beruflich oder familiär) stark im Vordergrund stehen.
  • Mehr Zeit für Beziehungen – das Bedürfnis nach Verbindung und Zugehörigkeit.
  • Ordnung schaffen – der Wunsch nach Struktur und Kontrolle in Phasen, die sich chaotisch anfühlen.

Mit dieser Perspektive rückt der Vorsatz weg von „Ich muss mich verbessern“ hin zu „Ich möchte etwas in meinem System neu ausbalancieren“.

Ziele setzen mit der SMART-Methode – ergänzt durch systemische Fragen

Die SMART-Methode (spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert) bietet eine solide Grundlage, um Vorsätze umsetzbar zu machen.
Die systemische Perspektive macht sie nachhaltiger.

Zu jedem Ziel lohnt es, sich ergänzend zu fragen:

  • In welchem Kontext entsteht dieses Ziel?
  • Welche Auswirkungen wird es auf meine Beziehungen haben, wer wird es merken?
  • Was gewinne ich, wenn ich das Ziel erreich und was könnte ich eventuell verlieren?
  • Wie wird mein Umfeld auf diese Veränderung reagieren?

Diese Fragen erweitern den Blick und verhindern, dass ein gut gemeinter Vorsatz unbewusst Widerstände im eigenen System erzeugt.


Systemische Strategien, die beim Dranbleiben helfen

  1. Kleine Schritte mit großer Wirkung

Systemisch gesehen reichen kleine Veränderungen, um eingefahrene Muster zu unterbrechen.
Ein kurzer Spaziergang kann der erste Schritt zu einer neuen Routine sein – wichtiger als Perfektion ist Kontinuität.

  • Ressourcen in den Fokus rücken

Die Systemische Therapie betont:
Der Mensch besitzt bereits Ressourcen – er hat sie nur nicht immer im Blick.
Stellen Sie sich die Frage:

„Was hat in der Vergangenheit schon einmal funktioniert?“

Neue Vorsätze bauen erfolgreicher auf schon bestehende Stärken, als auf Defiziten.

  • Zirkuläres Denken einüben

Veränderung ist selten linear und es hilft anstatt zu sagen: „Ich muss mich ändern“,  die Frage: „Was kann ich in meinem Umfeld so gestalten, dass Veränderung leichter wird?“

  • Rollen bewusst betrachten

Wir bewegen uns täglich zwischen unterschiedlichen Rollen, Partner:in, Elternteil, Kolleg:in, Freund:in,…

Systemisch zu reflektieren, welche Rolle zu viel Raum einnimmt und welche zu wenig, macht Vorsätze klarer – und realistischer.

  • Selbstmitgefühl statt Selbstoptimierung

Systemische Arbeit geht davon aus, dass Verhalten immer einen guten Grund hat.
Rückschläge sind also keine „Fehler“, sondern Hinweise, dein System neu zu justieren.

Beispiele für inspirierende Vorsätze mit systemischem Twist

  • Jeden Monat ein kurzes „Check-in“ mit sich selbst: Welche Muster zeigen sich gerade?
  • Ein bewusster „Offline-Abend“ pro Woche, um Beziehungen und Erholung Raum zu geben.
  • Ein Dankbarkeitstagebuch, das Ressourcen sichtbar macht.
  • Ein monatliches „Entlastungsritual“: etwas loslassen, das nicht mehr nützlich ist.
  • Eine Gewohnheit verändern, indem man sie durch eine neue ersetzt – nicht indem man sie bekämpft.

Nutzen Sie gerne diese Fragen, um Ihre Vorsätze klarer, stimmiger und nachhaltiger zu gestalten:

 Kontext klären

  • In welchem Lebensbereich entsteht dieser Vorsatz?
  • Welche Situation oder welches Ereignis hat mich darauf aufmerksam gemacht?
  • Welche Bedürfnisse stehen dahinter (z. B. Ruhe, Verbindung und Geborgenheit, Struktur, Gesundheit,…)?

Systemische Verbindungen erkennen

  • Welche Personen in meinem Umfeld sind von meinem Vorsatz direkt oder indirekt betroffen?
  • Wie könnten sie auf meine Veränderung reagieren – unterstützend oder überrascht, irritiert,…?
  • Welche Wechselwirkungen zwischen mir und meinem Umfeld spielen hier eine Rolle?

Funktion des bisherigen Verhaltens verstehen

  • Welchen „guten Grund“ hatte mein früheres Verhalten?
    (Beispiel: Stressessen als kurzfristige Entlastung, Überarbeitung als Wunsch nach Anerkennung,…)
  • Was würde passieren, wenn ich dieses Verhalten einfach weglasse?
  • Was brauche ich als Alternative, damit der Vorsatz realistisch wird?

Ziel präzisieren (SMART+)

Formulieren Sie Ihren Vorsatz so, dass er umsetzbar bleibt:

  • Spezifisch: Was genau möchte ich tun?
  • Messbar: Woran erkenne ich Fortschritt?
  • Attraktiv: Warum ist dieses Ziel mir persönlich wichtig?
  • Realistisch: Ist das Ziel in meinem Alltag gut machbar?
  • Terminiert: Bis wann und wie oft setze ich es um?
  • Systemisch ergänzt: Welche Auswirkungen wird mein Ziel auf meine Beziehungen und Rollen haben?

 Ressourcen aktivieren

  • Was hat in ähnlichen Situationen früher schon gut funktioniert?
  • Welche Stärken und Fähigkeiten helfen mir bei diesem Vorsatz?
  • Wer aus meinem Umfeld kann mich unterstützen – und wie?

Kleine Schritte definieren

  • Was ist der kleinste mögliche erste Schritt?
  • Welche Mini-Gewohnheit kann ich täglich oder wöchentlich integrieren?
  • Wie kann ich mir die Veränderung leicht machen (z. B. Erinnerungen, Routinen, Vorbereitung)?

Fortschritt beobachten

  • Wie halte ich meine Fortschritte fest (App, Journal, Kalender)?
  • Woran merke ich, dass mein Vorsatz mir gut tut?
  • Wie gehe ich mit Rückschlägen um – und was könnte ein hilfreicher Umgang sein?

Systemische Reflexion zwischendurch

  • Welche Muster haben sich seit Beginn verändert?
  • Welche Rolle nehme ich heute ein, die vorher vielleicht zu kurz kam?
  • Welche Beziehung hat sich positiv entwickelt?
  • Möchte ich den Vorsatz anpassen oder erweitern?

Fazit: Vorsätze sind Chancen zur Neuordnung unseres Systems

Vorsätze fürs neue Jahr bieten die Möglichkeit, bewusst Einfluss auf die Dynamiken unseres Lebens zu nehmen und es damit aktiv zu gestalten.
Mit einem systemischen Blick werden sie weniger zu einem Akt der Selbstoptimierung und mehr zu einer Einladung, die eigenen Rollen, Bedürfnisse und Beziehungen neu auszurichten und sich dabei auch besser kennenzulernen. Wenn wir erkennen, in welchem System unsere Vorsätze entstehen, und welche Veränderungen sie anstoßen, steigt die Chance, dass sie wirklich nachhaltig wirken – und das neue Jahr nicht nur beginnt, sondern sich auch gut anfühlt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein gesundes und frohes Jahr 2026!

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